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Martin Germann
Die Konstruktion der Destruktion

Raum konstruieren, Raum zerstören, Zerstörung konstruieren, Zerstörung komprimieren. Anhand dieser Reihe lassen sich - sowohl chronologisch im Sinne der Werkentwicklung, als auch im Sinne der Bedeutungskomplexität einzelner Objekte - leitende Prinzipien in der Arbeit des Berliner Künstlers Peter K. Koch beschreiben.

Ende der 90er Jahre setzt sich Koch mit kunsttheoretischen Fragestellungen wie der spezifisch in der Minimal Art geführten Auseinandersetzung um die Dialektik von Form und Inhalt auseinander. Relevante Arbeiten dieser Phase sind vor allem die bei Maschenmode (Berlin) realisierten Installationen Form und Inhalt (2000) und Co-Raum (2001), die die Begrenzungen derartiger Zuschreibungen mit  ihrer hybriden Gestalt zwischen Skulptur und Raum thematisieren. Die begriffliche Undefinierbarkeit dieser Objekte wird hierbei unterstützt durch die Verwendung simpler, kommerzieller Materialien wie Styropor, Klebeband, Dachlatten und Neons.

Eine Schlüsselfunktion in der Beschäftigung mit diesen Motiven nimmt Kochs 2001 in der CAN Gallery (Chicago) ausgestellte Raumskulptur Deutscher Pavillon in Kombination mit der anschließenden Videodokumentation von deren brachialer Zerstörung ein. Dieser Moment stellt gleichsam einen Einschnitt dar, denn hier vollzieht sich der entscheidende Schritt von der Konstruktion zur Destruktion oder genauer: zur Konstruktion der Destruktion. Durch den physischen Aspekt der Zerstörung sowie durch die Werkbetitelung rückt neben die institutionskritische Auseinandersetzung auch ein gesellschaftspolitisches und geschichtliches Moment in den Focus von Kochs künstlerischer Arbeit. In der Folgezeit produziert er neben weiteren Installationen zahlreiche Collagenserien und wendet sich vermehrt der Bildfläche als Medium zu. In der Kombination von gefundenen Images und Textfetzen zeichnen sich jene Arbeiten trotz des visuell überbordenden Eindrucks durch eine formale Strenge aus. Narrative Einflüsse des Punk verbinden sich dabei mit kompositorischen Prinzipien, die an die Verfahrensweisen der Pop Art erinnern.

Kochs aktuelle Bildserien bestehen aus polygonalen, ineinander verschränkten monochromen Farbflächen, deren präzise Kantenführung sich an malerische Methoden des Hard-edge anlehnt. Bei näherer Betrachtung erweist sich der visuelle Eindruck einer Implosion des Bildraumes zuweilen als Falle. Denn durch die geschickte Setzung perspektivischer Unschärfen löst sich die suggerierte Dreidimensionalität in die Breite der Bildfläche auf. Durch jene Ambiguität von Fläche und Raum oszilliert der Blick zwischen der sauberen, kalten Oberflächenästhetik und der aus dem Raum hervorbrechenden Anspannung. Die sich überlappenden Momente der Zerstörung berühren damit neben der bloßen Ebene des Dargestellten auch dessen Rezeptionsbedingungen.

Eine plastische Ausdehnung findet dieses Prinzip der mehrfachen Abstraktion und gleichzeitigen Komprimierung von Destruktion bei White Cube Lagos, einer bei Fleisch (Berlin) gezeigten Installation aus zerborstenen Sicherheitsglasscheiben, Neons und Styroporwänden. Bereits die Titelgebung der Arbeit formatiert deren Wahrnehmung unter anderem als ironischen Verweis auf gegenwärtige Strömungen und Tendenzen im globalen Kunstsystem. In der Bezugnahme auf die nigerianische Hauptstadt Lagos, die zur Ikone neuerer kunstpolitischer Diskurscorrectness zu werden scheint, stellt sich bei Kochs Installation zwingend die Frage nach dem Jetzt und Hier – nach Antriebsmechanismen einer sich fortwährend modernisierenden Welt, deren Bestrebungen unter dem Deckmantel höchster Transparenz neue Mythen und reichlich Kollateralschäden produzieren.

Struktur bildend für Kochs Arbeitsweise ist die Erzeugung von Ambivalenzen. Die stets zu erkennende Gleichzeitigkeit von Überladung, System, Fläche, Raum, Konstruktion und Destruktion findet ihren Antrieb im beständigen Versuch, Chaos in Ordnung präsent werden zu lassen et vice versa. Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

2005



 

 

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